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Mit Appetit und Verstand gegen Food Waste


In der Schweiz wandern jedes Jahr knapp 3 Millionen Tonnen Lebensmittel in den Abfall. Eine Verschwendung, die uns sowohl finanziell als auch ökologisch teuer zu stehen kommt. Seit einigen Jahren gibt es verschiedene Initiativen, um diesem Missstand ein Ende zu setzen, darunter ein neuartiges, an der EPFL entwickeltes Projekt.

Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den meisten Lebensmittelabfällen. Den Zahlen des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) zufolge werfen wir jährlich zwischen Feld und Teller mehr als 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel – rund 330 kg pro Kopf – in den Müll. Eine Verschwendung, die nicht nur erhebliche wirtschaftliche Verluste, sondern auch beträchtliche ökologische Folgen mit sich bringt. Laut WWF Schweiz könnte das Land die CO2-Emissionen von umgerechnet 500 000 Autos einsparen, wenn es allen Akteuren gelingen würde, diese Abfälle um ein Drittel zu reduzieren.

EINE REVOLUTION AUF DEM TELLER

In unserem Land gibt es zahlreiche Initiativen und Vereinigungen, die sich für die Bekämpfung dieses Problems einsetzen und Lebensmittel verwerten, bevor sie im Abfall landen (siehe nachfolgende Seiten). An der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) hat sich ein Mann diesem wichtigen Thema verschrieben und vor fünf Jahren eine grüne Revolution auf den Tellern des Campus angezettelt. Bruno Rossignol, Leiter der Abteilung Food Services der EPFL, rief das Projekt 20-30 ins Leben, eine richtungsweisende Strategie, die darauf abzielt, die gesamte Wertschöpfungskette zwischen Produkt und Verbraucher zu überdenken. «Als ich meinen Posten im Frühjahr 2019 antrat, stellte ich fest, dass das kulinarische Angebot nicht mehr den Anforderungen der heutigen Generation von Studierenden entsprach, die vermehrt eine vegetarische, nachhaltige und lokale Ernährung fordern», erklärt Bruno Rossignol. Er beschliesst, eine gründliche Untersuchung der verschiedenen Restaurants vor Ort durchzuführen, durchforstet die Rechnungen der Lieferanten, analysiert die Herkunft und die Zusammensetzung der Menüs, berechnet die CO2-Menge für jedes Kilogramm Nahrung, streicht Fleisch aus dem Ausland und palmölhaltige Produkte. Gleichzeitig nimmt er das Problem der Lebensmittelverschwendung auf dem Campus in Angriff. Er wendet sich an das Zürcher Start-up-Unternehmen Kitro, das intelligente, mit Waagen und Kameras ausgestattete Abfallbehälter entwickelt,

 

«Ich stellte fest, dass das kulinarische Angebot nicht mehr den Anforderungen der heutigen Generation von Studierenden entsprach.»

 

die die Menge und den Inhalt der weggeworfenen Lebensmittel analysieren. «Dank dieser Studie konnten wir genau herausfinden, welche Arten von Lebensmitteln in welchem Verhältnis betro!en sind, um die Menge der servierten Mahlzeiten anzupassen», fährt Bruno Rossignol fort. Die Kitro-Mülleimer in den Restaurants der EPFL wurden mit vernetzten Bildschirmen ausgestattet, die den Nutzern anzeigen, wie viel Geld und CO2 sie beim Entsorgen Ihrer Essensreste verschwendet haben.

 

EIN ERFOLGREICHER ANSATZ

Heute wird der Überschuss aus der Küche über die Plattform Too Good To Go an Studierende verkauft, die sich ihren Tupperware an zwei Tagen pro Woche kostengünstig
auffüllen lassen können. Diese Massnahmen haben die Lebensmittelverschwendung auf dem Hochschulgelände drastisch reduziert. «Anfang 2022 lagen wir bei 51 g Speiseabfällen pro Tag und Person. Ende 2023 betrugen diese nur noch 21 g. Unser Ziel ist es, 2030 einen Wert von 7,5 g zu erreichen», betont Bruno Rossignol. Er ho!t, dass dieser radikale Ansatz auch in anderen Restaurants umgesetzt wird. Denn bei 500 Millionen Mahlzeiten, die in der Schweiz pro Jahr auswärts eingenommen werden, ist das Potenzial enorm.

PRODUKTE ZU REDUZIERTEN PREISEN

Die bereits weithin bekannte Plattform Too Good to Go ist in siebzehn Ländern weltweit vertreten und verkauft Lebensmittel, die eigentlich für den Abfall bestimmt sind, zu niedrigen Preisen. Sie ist seit 2018 auch in der Schweiz aktiv und verzeichnet momentan 2,1 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, 7000 Partnerunternehmen und hat bereits über 8 Millionen mit verwertbaren Nahrungsmitteln gefüllte Überraschungstüten gepackt. Das Prinzip? Man lädt sich die App auf sein Smartphone und sucht die nach Kategorien sortierten Geschäfte (Bäckerei, Pizzeria usw.) in seiner Nähe. Anschliessend reserviert man seine Überraschungstüte, die man zur angegebenen Zeit abholt und bezahlt. Die 2013 gegründeten Äss-Bar-Läden vermarkten ihrerseits Brot, Sandwiches und Gebäck gemäss dem Motto «frisch von gestern». Diese Lebensmittel werden jeden Morgen von verschiedenen Partnerbäckereien abgeholt und in den zehn Äss-Bar-Filialen in der Schweiz vergünstigt verkauft.

LECKERE MENÜS AUS LEBENSMITTEL-ÜBERSCHÜSSEN

Die jenseits der Saane entstandenen Foodsave- Bankette erobern nun auch Westschweizer Tische. Das Konzept: Menüs aus den Lebensmittelüberschüssen von Supermärkten zubereiten. In Biel, Bern, Zürich und Basel wurden bereits zahlreiche Veranstaltungen organisiert. Im September 2023 fand die erste Veranstaltung dieser Art in Lausanne statt, bei der 600 Mahlzeiten nach dem «Zahle-was-du-willst-Prinzip» auf dem Place de l’Europe serviert wurden. Ein weiteres Bankett ist bereits für den ko menden Sommer geplant. Die Idee, schmackhafte Gerichte aus «Lebensmittelabfällen» zu kredenzen, hat sogar die Bundeshauskuppel erobert. Auf Anregung einer grünliberalen Abgeordneten und der Stiftung Schweizer Tafel kochte das Restaurant Galerie des Alpes dort während der gesamten Frühjahrssession 2023 zwei Menüs aus unverkauften Lebensmitteln.

ÖFFENTLICHE KÜHLSCHRÄNKE

2014 haben zwei Berner Studentinnen den Verein Madame Frigo gegründet und ein pfiffiges Konzept erdacht: öffentliche Kühlschränke, in denen die einen ihre übrigen, noch geniessbaren Lebensmittel deponieren und die anderen sich kostenlos versorgen können. Jeder – ob Unternehmen, Geschäfte oder Privatpersonen – kann sich bei dem Verein melden, um einen Standplatz zur Verfügung zu stellen. Der Verein wird von einem Netzwerk aus 500 Freiwilligen unterstützt, die abgelaufene Lebensmittel entfernen und für die Reinigung der Selbstbedienungs-Kühlschränke sorgen. Das Projekt, das ursprünglich in der Deutschschweiz initiiert wurde, hat sich inzwischen in der Romandie etabliert und verfügt aktuell über 140 Standorte im städtischen und ländlichen Raum. Vergleichbare Initiativen sind in den vergangenen Jahren entstanden, wie Free Go in den Kantonen Waadt und Neuenburg oder Free-Go in Genf. Hier kümmert man sich auch darum, in bestimmten Läden und Restaurants Lebensmittel einzusammeln, die sich dem Verfallsdatum nähern.

Shooting für Tischlein deck dich

LEBENSMITTELHILFE

Die Umweltorganisation The Lost Food Project Schweiz sammelt Lebensmittel, die in den Supermärkten nicht mehr gebraucht werden, um sie an Bedürftige weiterzuverteilen. Auch Tischlein deck dich, die führende Organisation zur Lebensmittelrettung in der Schweiz, arbeitet seit 25 Jahren auf diese Weise. Sie bezieht ihre Spenden von verschiedenen Supermarktketten und Produzenten und gibt diese anschliessend an Wohltätigkeitsorganisationen wie Cartons du Coeur und Caritas weiter. Hierbei handelt es sich um Obst und Gemüse, das leicht beschädigt ist oder nicht der Norm entspricht, aber auch um Konservendosen oder Produkte, deren falsch etikettierte Verpackungen nicht mehr verkaufstauglich sind. Im Jahr 2023 hat Tischlein deck dich knapp 8000 Tonnen Lebensmittel vor der Mülltonne gerettet.